Buch-Empfehlungen

Neue Empfehlungen im Februar!

Drei Empfehlungen zur Weihnachtszeit:

Anmerkung: Ich rezensiere unabhängig und erhalte keinerlei Vergütung von Verlagen oder Autor_innen.

Renate Graßtat

  • Das Wunder von R.: ein Kinderbuch von Francesca Cavallo
  • Writers & Lovers: ein Roman von Lily King
  • Rituale im Jahreskreis: der globale Blick von Roswitha Stark

Lily King: Writers & Lovers

Diagnose: Happy-End

Casey will einen Roman schreiben. Sie ist 31, ihre Mutter gerade gestorben, ihr Vater ein Dreckskerl. Die Spezies Männer zieht sich immer wieder gern zurück. Auf der anderen Seite beherrscht genau diese Spezies den Literaturbetrieb und sogar die Küche; Casey kellnert, um sich über Wasser zu halten, versinkt aber trotzdem in einem Berg von Schulden.

Wir sind in den Neunzigern des vorigen Jahrhunderts. Die junge Protagonistin gerät zwischen zwei gegensätzliche Männer und bekommt keinen Fuß auf den Boden, wenn es um ihre Arbeit, ihre Kreativität und eigentlich ihr ganzes Leben geht. Die Geschichte hat mit Sicherheit ein hohes Identifikationspotenzial, und sie ist auch zum Teil die Geschichte der inzwischen erfolgreichen Autorin Lily King. Im Jahr 2000 gewann diese verschiedene Preise für ihren ersten Roman „The Pleasing Hour“, 2014 gelang ihr ein weiterer Durchbruch mit „Euphoria“, in dem sie der Geschichte der Ethnologin Margaret Mead nachgeht. King schreibt auch Kurzgeschichten und unterrichtet an Universitäten Englische Literatur sowie Kreatives Schreiben.

Ihrer „Schreibe“ ist dies anzumerken. King benutzt anmutige sprachliche Bilder und ausgeklügelte Pointen; dabei geht sie leicht und locker und manchmal in rasantem Tempo vor. Abgedroschene Metaphern kommen bei ihr nicht zu Wort. Trotzdem kämpfe ich mich etwas mühsam durch die ersten Seiten: Es ist einfach sehr viel „Inventar“. Wer war das nochmal? Muss ich das wirklich alles wissen, all diese Details aus den Gesprächen?

Geduld braucht auch der kulturelle Hintergrund. Wer nicht Jahre an amerikanischen Universitäten und in Golf-Klubs verbracht oder wenigstens alle Folgen von „Gilmore Girls“ rauf und runter gesehen hat, verpasst hier einiges an Einzelheiten. Anspielungen auf die Schullektüre, bekannte Namen und Rituale aus dem Land hinter dem großen Teich machen eben dieses Inventar für uns an manchen Stellen hinderlich. Als Kritik soll das nicht gelten, nur als Hinweis auf ein wenig „Fremdeln“ zu Beginn. Doch die Story gewinnt an Zug, und mit einer bedrohlichen ärztlichen Diagnose ist das Chaos nun komplett. Inzwischen haben wir uns eingelesen und fiebern kräftig mit. Wie will sie das bloß alles schaffen? Damoklesschwert im Nacken, Krankenversicherung natürlich Fehlanzeige. Abgesehen von all den anderen Problemen, die uns nun vertraut geworden sind. Jetzt sind wir „drin“ mit Haut und Haaren. Hier sei schon mal vorweggenommen: Tragisch wird das Ende nicht.

Gerade das hat mich auch eingeschüchtert. Caseys eigener Romanversuch ist Dreh- und Angelpunkt, er steht für die Besinnung auf sich selbst, die die Lösung in sich trägt. Doch wie genau vollzieht sich diese? Die großen Themen unseres Lebens, Verlust und Tod, Angst, Krankheit, materielle Existenz, Kreativität, Erotik, Sexismus, Depression, Zusammenbruch, Selbstverwirklichung und Liebe, alles angespielt und aufgelöst am Ende? Ein bisschen schnell für mich.

Doch das ist ein grundsätzliches Problem beim Schreiben. Wie von der wilden Fahrt des Karussells herunterkommen? Auch hier ist Caseys eigener Roman Metapher. „Es fehlt noch etwas“, heißt es da, etwas ist nicht stimmig, es fehlt ein Übergang. Ein Übergang wie bei „To the Lighthouse“ von Virginia Woolf.

Jetzt habe ich mich selbst in den Roman verstrickt. Denn diese Anspielung sagt mir, großer Verehrerin von Woolf, sehr viel. Es ist das Zwischenstück, das dort eingeblendet wird, der Absatz überschrieben mit „Time Passes“, der von einem Teil zum anderen überleitet und so auch einen inneren Prozess beschreibt.

Wie Casey und auch Lily King das angehen und ob es überzeugend ist, bleibt für mich ein Fragezeichen. Auf jeden Fall ist allen das Problem bewusst.

Warum ich trotzdem den Roman empfehle? Er ist von außerordentlicher Lebendigkeit, die berührende Geschichte mit frischer Sprache gut erzählt. Und der Dreisatz Casey, King und Woolf schließlich hat es in sich. Vielleicht regt gerade diese Leerstelle, die gefühlte, besonders an beim Lesen. Sie ist mit eigenen Gedanken, eigenen Erfahrungen zu füllen. Und „das ist nicht nichts“ – ein Zitat aus dem Roman, wenn auch in ganz anderem Zusammenhang. Das ist eine ganze Menge. Und manchmal blitzen Lösungen ja auch tatsächlich plötzlich auf.

Wer sich also durch den kleinen Reisberg frisst, der das Lesevergnügen zunächst umgeben mag, wird wie im Schlaraffenland belohnt. Wir können lachen, fiebern, uns über gelungene Beschreibungen freuen und gekonnt gesetzte Szenen. Wir können es als leichte Lektüre verschlingen – die Spannung nimmt im Laufe des Romans bedeutend zu – oder über unser eigenes Leben, nicht zuletzt auch über Fragen des Schreibprozesses nachsinnen, wenn wir wollen. Ein Buch, mit dem es sich wunderbar auf der Couch lümmeln lässt, wenn der Zugang erst einmal gefunden ist. Und wer sich die entspannte Jahreszeit genauso vorgestellt hat, wird nur noch widerwillig vom Sofa wieder aufstehen.

Liliy King: Writers and Lovers

Übersetzt von Sabine Roth

Beck Verlag 2020

319 Seiten, 24  Euro (Hardcover)

ISBN: 978-3-406-75698-6


Francesca Cavallo: Das Wunder von R.

Kinder an die Macht: ein Buch nicht zur Weihnachtszeit

Eine Weihnachtsgeschichte für Kinder im Grundschulalter

„Allen Kindern, die sich Erwachsenen widersetzen, um die Welt zu verändern“ steht als Motto ganz weit vorne, und dieses Buch damit in der Tradition von Astrid Lindgren oder Erich Kästner. Sie haben gezeigt, dass Kinder weiter schauen, Probleme anders lösen, ja stärker und klüger sein können als die Großen. Das eigentlich ist ihr besonderes Verdienst: den pädagogischen Zeigefinger abzulösen, der damals gang und gäbe war, durch emanzipierte kleine Menschen, die den Sinn für das Wichtige noch nicht verloren haben. Die Kinderbuchliteratur wurde dadurch revolutioniert.

Auch Francesca Cavallo hat revolutionäres Potenzial. Zusammen mit Elena Favilli gelang ihr bereits   mit den „Good Night Stories for Rebel Girls“ ein Renner: mit kurzen Geschichten von Frauen, die ihre Träume verwirklicht und dadurch die Welt ein wenig verändert haben. Sie hat nun Das Wunder von R.  geschrieben, illustriert von atmosphärisch dichten und wunderbar bunten Zeichnungen von Verena Wugeditsch.

Die Geschichte bringt Verschiedenes zusammen, ist divers in vieler Hinsicht: Eine Familie, bestehend aus zwei Müttern und drei Kindern, hat ihr Heimatland verlassen, in dem eben solche Familien verboten sind – sie sind dort „illegal“. Doch herzlich empfangen werden sie in der Stadt, in die sie kommen, nicht; die Nachbarn verstecken sich hinter ihren Türen und an den Fenstern der neuen, viel zu kleinen Wohnung klirren Eiszapfen. Von einem Plakat prangt Dr. Öde, der Bürgermeister, Grau in Grau. Sein größter Wunsch ist, dass hier nichts passiert – einfach gar nichts. Nur die freche Olivia, die ihnen schon am Bahnsteig begegnet, mischt die ganze Runde auf. Sowohl bei den Menschen der kleinen Familie als auch bei allen anderen Figuren, die sich auf den großen Doppelseiten tummeln, sind die Hautfarben bunt gemischt.

Trocken, weil politisch motiviert? Keineswegs. Zunächst mal nimmt der Alltag seinen Lauf. Eine der beiden Mamas bekommt eine Stelle als Briefträgerin, die andere Mama kocht. Manchen mag das gar zu konventionell erscheinen, wie auch der ganze Weihnachtsrummel. Doch dann erscheinen Elfen plötzlich aus dem Nichts und auch der Weihnachtsmann spielt mit. Gespickt mit Fantasie-Elementen inmitten der konkreten Alltagsrealität geht es nicht nur um Diversität, sondern auch um Dinge, die man nur gemeinsam schafft, Rücksicht auf die erschöpften Rentiere und überhaupt um Solidarität. Und ein Trick der Kinder sorgt dafür, dass die Menschen ihre misstrauische Isolation überwinden.

Am Ende gibt es also, wie es sich für ein Kinderbuch gehört, ein Happy-End im Schnee mit den inzwischen aufgetauten Nachbarn: ein modernes Weihnachtsmärchen nach trotzdem altbewährter Tradition.

Dass versucht wird, so viele Aspekte zusammenzubringen, ist sowohl Stärke als auch eine leichte Schwäche der Geschichte. Der Ort „R.“ bleibt anonym wie auch das Herkunftsland, sie sind daher auf vieles anwendbar. Für Kinder ist jedoch Konkretes oft noch wichtiger als für Erwachsene.

Im besten Sinne „greifbar“ ist dagegen alles andere: Das Buch kommt in besonders schöner und solider Ausstattung daher und wurde geschlechtergerecht übersetzt. Viele Einzelheiten schaffen Atmosphäre und Lebendigkeit, die Spannung steigt, die kurzen Kapitel sind dynamisch und kindgerecht erzählt. „Achtung, fertig, los!“, heißt eines etwa, oder auch: „Denk nach, Olivia!“. Die Autorin selbst beschreibt im Vorwort, was sie motiviert hat, und meldet sich auch später noch zu Wort. Sie hat eine gute Chance, selbst zu einer „Heldin“ in einem Buch über rebellische Frauen zu werden.

Francesca Cavallo: Das Wunder von R.

Übersetzt von Daniela Papenberg

Mentor Verlag 2020

128 Seiten

ISBN: 978-3-948230-15-9

€ 24,90


Roswitha Stark: Rituale im Jahreskreis

Nicht nur Weihnachten …

Rituale im globalen Kontext

Jedes Jahr tun wir es wieder: Geschäfte durchwühlen, Deko aufhängen, den Kühlschrank vollstopfen, nachdenken: Worüber würden sich die anderen freuen? Ich persönlich genieße das Lichtermeer aus Kerzen und auch Lichterketten, weil es die dunkle Jahreszeit versüßt, aber auch so sanft gedämpfte Stimmung schafft. Es riecht nach Zimt und Sternanis. Und jedes Mal wundere ich mich im Januar oder Februar, warum es nicht mehr funktioniert. Egal, wie viele Kerzen jetzt noch angezündet sind: Der Zauber ist nicht mehr der gleiche.

Liegt es daran, dass die kollektive Kraft „vorbei“ ist? Roswitha Stark macht klar, wie Rituale uns verbinden. Welche Bedeutung sie haben, auch sogenannte Alltagsrituale, ist auch in der Psychologie bekannt. Und selbst wer Weihnachten nicht mag, weil die Konsum-Industrie im Vordergrund steht oder der christliche Anlass, ist doch häufig froh über die Zusammenkunft mit Familie oder Freunden oder einfach die Zeit des Atemholens.

Und gerade jetzt, zu Covid-19-Zeiten, spüren wir, welche Kraft das Ritual in unserer säkularisierten Gesellschaft noch besitzt. Einschränkungen zu Weihnachten? Von Politikern wird dies als „heilige Kuh“ betrachtet. Alles, alles soll getan werden, damit das Fest der Liebe bleibt.

Roswitha Stark betrachtet Rituale unter dem Aspekt der Heilung. Wir alle wissen, dass es wichtig ist: den Tag zu strukturieren, sich auf etwas freuen, Achtsamkeit auf kleinen Dingen, und sei es nur die Tasse Tee am Morgen. Zusammenkommen, Gemeinschaft mit anderen, regelmäßig – das ist es, was uns gerade fehlt.

Rituale ernst zu nehmen, das ist im Grunde eine Rückkehr zur Natur, zu unseren natürlichen Bedürfnissen und natürlich zur Besinnung. Vorausgesetzt natürlich, das Ritual ist nicht zur bloßen Form erstarrt.

Leben

einzeln und frei

wie ein Baum

und brüderlich

wie ein Wald

ist unsere Sehnsucht.

Diese Zeilen des türkischen Dichtern Nazim Hikmet stehen dem Rituale-Buch voran.

Was Kelten, Germanen und Christen in verschiedenen Formen, aber doch unter gemeinsamen Gesichtspunkten tun, die Beschäftigung mit den Elementen, Yin und Yang und sogar die Quantenphysik zeigen, was Resonanz in uns erzeugt. Neben der exakten Beschreibung vieler Rituale aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturkreisen macht die Autorin uns bewusst, was Menschen überall verbindet und wie sehr wir ohnehin verbunden sind. Aufmerksamkeit darauf und auf den Ritualen stärkt sogar unser Immunsystem. Weihnachten –  auch – in diesem Zusammenhang zu sehen, tut gut.

In diesem Sinne ist dies auch ein Buch geradewegs für diese Zeit. Nicht mit allen Hinweisen und Vorschlägen wird jede_r etwas anfangen können. Die geometrischen Symbole der „kosmischen Kristallkraft“ oder auch die Botschaften von Zahlen mögen Skepsis hinterlassen, doch allein ihre globale Verbreitung sowie die Fülle des hier Gesammelten sprechen eine angeregte Sprache.

„Rituale im Jahreskreis“ wurde bereits 2014 veröffentlicht. In der nun erschienenen zweiten Auflage ist einiges vereinfacht worden. Das Buch ist umfangreich bebildert und randvoll mit Informationen, aber auch mit guten Tipps und Wünschen.

Roswitha Stark: Rituale im Jahreskreis

Mankau Verlag 2020

197 Seiten

ISBN: 978-3-86374-573-8

15,95 Euro