Buch-Empfehlungen

Anstelle einer Rezension

Zuerst hatte ich den Impuls, dieses Buch dezent zu ignorieren. Warum? Weil mir die Beschränkung auf Schriftstellerinnen einfach nicht gefiel. Ilka Piepgras, selbst Buchautorin, Journalistin und Redakteurin, befragte namhafte Autorinnen nach den Bedingungen und Prozessen ihres Schreibens, angeregt durch einen Text aus den siebziger Jahren von Anne Tyler mit dem Titel „Just writing“.

Warum der Widerstand?

Über die weibliche Art des Schreibens gibt es viele Theorien; über eine andere Sprache von Frauen, über das Weibliche in der Sprache und über den Einfluss gesellschaftlicher Rollenzuschreibungen. Sie sind fast alle wohlbegründet. Doch von einem Buch über das Schreiben erwarte ich insgeheim, dass es diese Trennungen als kleinkariert beiseite legt, wie aus einer anderen Ära stammend, über die wir uns längst hinaufgeschwungen haben zu einer gleichberechtigten und gleichberechtigt schöpferischen Existenz. Ich hatte Sorge, dass die Fixierung auf schreibende Frauen an sich schon wieder eine Fixierung auf deren Rolle in der Gesellschaft wäre. Eine „Festschreibung“ im wahrsten Sinne des Klischees, indem davon ausgegangen wird, dass Frauen in erster Linie als Frauen schreiben und nicht als Schriftstellerinnen.

Ein Zimmer für sich allein

Natürlich geistert auch mir, wie anderen Rezensentinnen, im Kopf herum, welch einflussreiche Aufsätze über Frauen und das Schreiben bereits die Sicht verändert haben – allen voran Virginia Woolfs 1929 erschienener Essay „A Room of One`s Own“. Ein Zimmer zu haben, in dem sie überhaupt arbeiten können, erscheint dort als eine Grundvoraussetzung, die geradezu anmaßend wirkte. Aber ist die soziale Situation von Frauen heute wirklich noch ein Thema, das die künstlerische Tätigkeit behindert, zumindest in Europa und den USA?

„Just writing“ von Anne Tyler, die „Keimzelle“ dieses Buches und der erste Text, schien meine Befürchtungen zu bestätigen: Dort wird beschrieben, wie der Alltag unerbittlich über die Schreiberin hereinbricht, die mit dem wundervollen Satz beginnt: „Als ich unten den Flur strich, dachte ich mir einen Roman aus.“ Er – der Alltag – hält sie zwischen Kindern und dem Hund gefangen, zwischen Einkäufen, Spülmaschinenreparatur und den Bedürfnissen entfernter Verwandter, während ihr Mann zur Arbeit geht. Der Roman: muss warten.

 Hand anlegen

Gut, das ist eindrucksvoll und bilderreich geschrieben, und so war es in den siebziger Jahren Fakt. Sehen wir es auch als zeitgeschichtliches Dokument. Doch je weiter die Autorin die Gedanken fortschreibt, desto mehr löst sie sich von „Befindlichkeiten“. Anne Tyler zeigt uns, wie sie Menschen sieht. Wie manches in dieser ausgemalten Welt „realer“ scheint als alles andere. Wie das Eintauchen in Geschichten ihr in dem isolierten Gefühl der Kindheit half und wie sie heute in die andere Welt eintaucht, in der sie wahrnimmt und sortiert. Entstanden ist eine Art Werkstattbericht (so auch der Klappentext), der feinziseliert die eigene Tätigkeit bearbeitet.

Eva Menasse – nächster Text – nimmt viel von diesen Themen auf. Die Satzstellung ändern. Rumprobieren. Mit Worten spielen. Sie zitiert dazu Joyce Carol Oates: „Die Leute glauben, ich schreibe den ganzen Tag. Dabei schreibe ich den ganzen Tag nur UM.“ Stockungen überwinden, Angst vor dem Scheitern. Die Existenz als Mutter ist hier nur noch „Randbemerkung“: Schreiben findet statt, nachdem sich die Tür hinter dem Kind geschlossen hat und bevor es wieder aus der Schule kommt. Dazwischen aber: Hochbetrieb.

Elif Shafak hat das Thema „Kinder“ gleichsam integriert. Ihr erster Satz stammt aus dem Munde ihres Sohnes: „Du sprichst es falsch aus“, sagt er, und damit ist Mehrsprachigkeit thematisiert. So ist das Türkische, Shafaks Muttersprache, für sie eher emotional, das Englische taugt für Distanz und Ironie. Der Wechsel zwischen Sprachen erweitert und er stimuliert das Repertoire des Schreibens. Und so ist es auch mit Stilen, Bildern, Wörtern, Klang.

 Was vermag Literatur?

Je breiter und je wohl bedachter dieses Spektrum, desto stärker ist der Sog. Dann schließlich wird das Unsichtbare fühlbar – aus meiner Sicht das Wichtigste, was „Literatur“ zu bieten hat. Nämlich zu erforschen, was im Normalfall unserer Wahrnehmung entgeht. Eine weitere: sich einen „inneren Garten“ anzulegen, um dort „reinen Herzens sein (zu) können, ohne zu beurteilen oder beurteilt zu werden.“ (Elif Shafak)

Oder ist es gar das Gleiche?

 Perlenfischen

Anne Tyler, Eva Menasse, Elif Shafak – drei Texte, die wie Perlen hier an einem unsichtbaren Faden nacheinander aufgezogen sind und innerlich verknüpft. Herausfischen möchte ich – und das bleibt ganz subjektiv – noch Siri Hustvedt, die tatsächlich klar das Männliche und Weibliche bespricht. Und sie meint das, was wir alle in uns tragen. Enden wird sie mit dem Satz, dass Schreiben mit all seiner Ambivalenz uns aus ebendieser auch befreit. Denn hier können wir Geschlechtsidentitäten wechseln. Und sie entdeckt sich immer wieder neu.

Werkstattberichte also: Hier geht es um Kontrolle und Faszination, Quälerei und Schöpfung, Vergessen und Erfinden, Inspiration, Spielereien und Struktur. Die verschiedenen Orte des Schreibens, das Empfinden der Zeit, der Versuch des Ungestörtseins, Mutterdasein, Lebenssinn. Alles hat hier seinen Platz, unterschiedlich schwer gewichtet. Männer- und Frauenklischees, mögliche Wahrheiten über Unterschiede, Macht und Ohnmacht im Literaturbetrieb – das ist nicht auszusparen. Und siehe da, es gibt auch eine Perle auf der Schnur, die exakt die gleiche Abneigung hegt wie ich: 

„Als Frau an einer Wunde zu lecken ist ein Klischee und ich mag es nicht“, schreibt Antonia Baum mir aus dem Herzen. „Aber das ändert nichts an der Existenz der Wunde und ihrer Wahrheit. ( … ) Und auch wenn die Bezeichnung `weibliches Schreiben` bei mir noch immer Affekte auslöst, verstehe ich, warum es sie gibt. Und dass nicht das `weibliche Schreiben` eine Beleidigung ist, sondern die Bedingungen, unter denen man in dieser Gesellschaft eine Frau ist.“ Statistiken dazu sind nicht zu leugnen.

Kathryn Chetkovich, die Lebensgefährtin von Jonathan Franzen (ja, das ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung …), thematisiert denn auch, mutig, wie ich finde, den Neid auf ihren Partner. Aber es wäre ein schlechter Text, wenn er nicht tiefer gehen würde. Und das tut er – und landet schließlich doch in ihrem eigenen Zentrum.

Maryam Leky war Schülerin von Hanns-Joseph Ortheil: Es gibt so vieles hier, was man gewissermaßen „nebenbei“ erfährt.

Elena Ferrante, die sich jeder Öffentlichkeit entzieht, weil sie privat bleiben möchte, geht in einen E-Mail-Dialog mit Sheila Heti.

Und Elfriede Jelinek, die keine Lust hat, einen Text zu schreiben, beantwortet Fragen ebenfalls per Mail.

Herta Müller, eine weitere Nobelpreisträgerin, fehlt.

Das fällt mir auf, weil hier so Hochkarätiges versammelt ist. Belege für eine weniger „wertvolle“ Literatur von Frauen gibt es nämlich nicht. Wenn aus dieser kostbaren Sammlung eines klar hervorgeht, dann ist es eben dies.

Überraschung

Trotz all dem finde ich Momente eines Schulaufsatzes. Nicht, weil sie so einfach wären – denn das sind sie keineswegs -, sondern weil einigen Beiträgen das Bemühen anzumerken ist, einen Text wie eine Schulaufgabe zu verfassen. Manchmal meine ich direkt zu spüren, wie die Autorin, zwiegesprächig mit sich selbst, auf der Suche ist: Was passt denn noch zur Aufgabenstellung und was lohnt sich mitzuteilen? Und manche endet sogar sehr abrupt, so als hätte sie gesagt: So, jetzt habe ich genug dazu geschrieben – oder auch: Jetzt fällt mir nichts mehr ein. Das finde ich sogar sympathisch. Und es „passt“, weil Literatur gewöhnlich anders motiviert ist. Sie ist nicht beschränkt auf Seitenzahlen und ein Thema, das man vorgegeben hat. Sie entsteht aus inneren Prozessen und sie schafft sich ihre eigene Bahn. Und dort sieht man erst die wahre Stärke der Autorinnen, die hier neugierig auf ihre Bücher machen.

Überraschend aber auch, wie häufig Selbstzweifel geäußert werden. Oder eben gerade nicht.

Perspektiven

„Männer kommen in dieser Anthologie nicht zu Wort. Das ist programmatisch so gewollt. Männliche Schriftsteller arbeiten unter privilegierten Umständen. Niemand würde […] ermitteln, wie sie Beruf und Vatersein vereinbaren“, schreibt Marielle Kreienborg in der taz.

Das ist natürlich richtig, und da liegt immer noch die Wunde. Doch:

 „Zimmer mit Aussicht“ heißt ein Roman von Edward Morgan Forster – einem Mann. Der Titel lädt ein zum Vergleich. In Forsters Werk von 1908 geht es um Liebe, eine Reise nach Italien, um Standesdünkel und vorsichtige Schritte in das zwanzigste Jahrhundert. Lucy befreit sich aus der Konvention und aus Umklammerungen – nicht zuletzt der durch ihre Position als Frau. Aus dem Zimmer der Pension „mit Aussicht“ fällt ihr Blick auf Florenz und auf das Leben, nicht auf Erstarrungen, die sie aus England kennt. Auch ihrem Klavier kann Lucy viel Lebendigkeit entlocken, und sie vergisst die Welt um sich herum. Eine Miss Lavish, die in der Pension wohnt, schreibt unter Pseudonym einen Roman. Sich der Häme aussetzen, mit der eine schreibende Frau zu rechnen hat, das will sie nicht. „Zimmer mit Aussicht“, der Roman, der über hundert Jahre alt ist, steht hier gleichsam Pate für die Frage nach der Kunst im Leben einer Frau.

E.M. Forster hat seine Homosexualität oft eingebracht in seine Texte. (Nicht nur „Zimmer mit Aussicht“, auch „Maurice“ wurde später von James Ivory verfilmt.) Allein schon dadurch stehen Zuschreibungen von „männlicher“ und „weiblicher“ Literatur in Frage.

Zurück zum Gegenstand dieser Betrachtung: Im Vorwort – wie auch in einer Rezension – wird darauf angespielt, wie selbstverständlich Werke wie „Madame Bovary“, „Anna Karenina“ oder auch „Effi Briest“, alle von Männern produziert, als große Literatur gesehen werden. Ilka Piepgras nennt sie „reine Männerfantasien“. Dem möchte ich mit Siri Hustvedt widersprechen. Denn auch für Männer könnte gelten, dass Schreiben ihnen Perspektivwechsel ermöglicht, Ambivalenzen und verborgene Empfindungen zutage bringt.

Ich meine deshalb, dass das Schreiben selbst sich über die Beschränkungen erhebt. Männer fehlen auch in diesem Buch nicht ganz: Joan Didion etwa bezieht sich hier auf einen Essay von George Orwell („Why I write“) und Anne Tyler, die den Anlass bot zu der Befragung, schildert uns den Umgang mit den Schwierigkeiten so: „Ich glaube, die Art meines Vaters zu leben (unendlich anpassungsfähig, als würde er sich lächelnd umsehen und sagen: `Aha! Hier bin ich also gelandet!`) ist auch der richtige Weg, sich in Würde durch das unbeständige Leben zwischen dem Schreiben von Romanen, dem Tapezieren des Esszimmers und dem Beaufsichtigen von Pyjamapartys zu bewegen.“

Das mag uns als Entwurf gefallen oder nicht. Was es aber zeigt, ist, wie versuchte Festschreibungen im Leben unterlaufen werden.

Gegen die Wand

Und so fasse ich den Mut, noch einen Mann ins Spiel zu bringen. Fatih Akin, deutscher Regisseur mit türkischen Eltern, sagte in einem Interview, es gäbe immer eine deutsch-deutsche Perspektive, eine türkisch-türkische und eine türkisch-deutsche. Die kulturellen Themen, die Unterschiede zwischen den Lebensweisen spielten natürlich eine Rolle in seinen Filmen, das ist sein Erfahrungshintergrund – aber letztlich ginge es um etwas anderes. Es ginge immer um die „großen“ Themen – um Liebe, Sehnsucht, Schuld und Tod. Sie zeigen sich, sie werden angespielt auf der Klaviatur der Realitäten, die uns begleiten und zu definieren suchen: Deutscher oder Türke, Familienkodex versus Freiheit, Rollen, Verwurzelung, Zwang und Lösung. Die Fixierungen sind nur der Boden, auf dem die „eigentlichen“ Themen ihre Bühne finden.

 Überleben

So empfinde ich auch dieses Buch. Es zeigt, wie Frauen durch gesellschaftliche Randbedingungen bestimmt werden, und gleichzeitig, wie sie über sie hinauswachsen. Und vielleicht lässt sich, nach der Lektüre geballter „Handwerkskunst“, doch etwas als gemeinhin „Weibliches“ erkennen: eine außerordentliche Feinfühligkeit, Achtsamkeit aufs Kleinste, das Hinterfragen der eigenen Perspektive und auch Selbstironie ohne Bitterkeit. Und natürlich Kreativität. Das häufig ungewöhnliche und zwischen den herrschenden Vorstellungen geradezu umherhüpfende Denken wird von Kreienborg (taz) sehr treffend mit „jenseits der Schubladen“ betitelt. Das sind Überlebensstrategien, nicht zuletzt bedingt durch jahrhundertelange Konventionen. Daraus entstanden sind großartige Texte – nicht nur hier.

Natürlich wäre es naiv, nicht anzuerkennen, dass der Literaturbetrieb, der öffentliche Diskurs, das Networking und die Politik immer noch durch Männer dominiert werden. Frauen „verschwinden“ allzu oft und werden weniger gehört. Auch das kommt in den Texten hier zum Ausdruck. Deshalb ist ein Buch über schreibende Frauen letztlich – doch – sinnvoll. Ich bin bekehrt.

Vor dem „Verschwinden“ bewahren möchte ich auch Sophie Zeitz. Sie ist die Übersetzerin der meisten Texte aus dem Englischen und hat meine allergrößte Anerkennung. Leider wird sie nur am Ende in den Quellenangaben erwähnt. Dabei hat auch sie großartige Arbeit geleistet, die Sätze und Worte bewusst gesetzt, gehämmert, gedrechselt, ziseliert, und ihnen einen wohnlichen Anstrich gegeben. Das ist bei Texten von Autorinnen, die über ihre Sprachwerkstätten reflektieren, eine große Kunst.

Renate Graßtat

Ilka Piepgras: Schreibtisch mit Aussicht. Schriftstellerinnen über ihr Schreiben
Sachbuch

Hardcover
Format: 12,5 x 20,5 cm , 288 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5826-2

23 Euro

Anmerkung: Alle Texte in „Schreibtisch mit Aussicht“ sind lesenswert. Meine Auswahl hier ist durch eigene Prioritäten begründet.

Ich rezensiere unabhängig und erhalte keinerlei Vergütung von Verlagen oder Autor_innen.


Lily King: Writers & Lovers

Diagnose: Happy-End

Casey will einen Roman schreiben. Sie ist 31, ihre Mutter gerade gestorben, ihr Vater ein Dreckskerl. Die Spezies Männer zieht sich immer wieder gern zurück. Auf der anderen Seite beherrscht genau diese Spezies den Literaturbetrieb und sogar die Küche; Casey kellnert, um sich über Wasser zu halten, versinkt aber trotzdem in einem Berg von Schulden.

Wir sind in den Neunzigern des vorigen Jahrhunderts. Die junge Protagonistin gerät zwischen zwei gegensätzliche Männer und bekommt keinen Fuß auf den Boden, wenn es um ihre Arbeit, ihre Kreativität und eigentlich ihr ganzes Leben geht. Die Geschichte hat mit Sicherheit ein hohes Identifikationspotenzial, und sie ist auch zum Teil die Geschichte der inzwischen erfolgreichen Autorin Lily King. Im Jahr 2000 gewann diese verschiedene Preise für ihren ersten Roman „The Pleasing Hour“, 2014 gelang ihr ein weiterer Durchbruch mit „Euphoria“, in dem sie der Geschichte der Ethnologin Margaret Mead nachgeht. King schreibt auch Kurzgeschichten und unterrichtet an Universitäten Englische Literatur sowie Kreatives Schreiben.

Ihrer „Schreibe“ ist dies anzumerken. King benutzt anmutige sprachliche Bilder und ausgeklügelte Pointen; dabei geht sie leicht und locker und manchmal in rasantem Tempo vor. Abgedroschene Metaphern kommen bei ihr nicht zu Wort. Trotzdem kämpfe ich mich etwas mühsam durch die ersten Seiten: Es ist einfach sehr viel „Inventar“. Wer war das nochmal? Muss ich das wirklich alles wissen, all diese Details aus den Gesprächen?

Geduld braucht auch der kulturelle Hintergrund. Wer nicht Jahre an amerikanischen Universitäten und in Golf-Klubs verbracht oder wenigstens alle Folgen von „Gilmore Girls“ rauf und runter gesehen hat, verpasst hier einiges an Einzelheiten. Anspielungen auf die Schullektüre, bekannte Namen und Rituale aus dem Land hinter dem großen Teich machen eben dieses Inventar für uns an manchen Stellen hinderlich. Als Kritik soll das nicht gelten, nur als Hinweis auf ein wenig „Fremdeln“ zu Beginn. Doch die Story gewinnt an Zug, und mit einer bedrohlichen ärztlichen Diagnose ist das Chaos nun komplett. Inzwischen haben wir uns eingelesen und fiebern kräftig mit. Wie will sie das bloß alles schaffen? Damoklesschwert im Nacken, Krankenversicherung natürlich Fehlanzeige. Abgesehen von all den anderen Problemen, die uns nun vertraut geworden sind. Jetzt sind wir „drin“ mit Haut und Haaren. Hier sei schon mal vorweggenommen: Tragisch wird das Ende nicht.

Gerade das hat mich auch eingeschüchtert. Caseys eigener Romanversuch ist Dreh- und Angelpunkt, er steht für die Besinnung auf sich selbst, die die Lösung in sich trägt. Doch wie genau vollzieht sich diese? Die großen Themen unseres Lebens, Verlust und Tod, Angst, Krankheit, materielle Existenz, Kreativität, Erotik, Sexismus, Depression, Zusammenbruch, Selbstverwirklichung und Liebe, alles angespielt und aufgelöst am Ende? Ein bisschen schnell für mich.

Doch das ist ein grundsätzliches Problem beim Schreiben. Wie von der wilden Fahrt des Karussells herunterkommen? Auch hier ist Caseys eigener Roman Metapher. „Es fehlt noch etwas“, heißt es da, etwas ist nicht stimmig, es fehlt ein Übergang. Ein Übergang wie bei „To the Lighthouse“ von Virginia Woolf.

Jetzt habe ich mich selbst in den Roman verstrickt. Denn diese Anspielung sagt mir, großer Verehrerin von Woolf, sehr viel. Es ist das Zwischenstück, das dort eingeblendet wird, der Absatz überschrieben mit „Time Passes“, der von einem Teil zum anderen überleitet und so auch einen inneren Prozess beschreibt.

Wie Casey und auch Lily King das angehen und ob es überzeugend ist, bleibt für mich ein Fragezeichen. Auf jeden Fall ist allen das Problem bewusst.

Warum ich trotzdem den Roman empfehle? Er ist von außerordentlicher Lebendigkeit, die berührende Geschichte mit frischer Sprache gut erzählt. Und der Dreisatz Casey, King und Woolf schließlich hat es in sich. Vielleicht regt gerade diese Leerstelle, die gefühlte, besonders an beim Lesen. Sie ist mit eigenen Gedanken, eigenen Erfahrungen zu füllen. Und „das ist nicht nichts“ – ein Zitat aus dem Roman, wenn auch in ganz anderem Zusammenhang. Das ist eine ganze Menge. Und manchmal blitzen Lösungen ja auch tatsächlich plötzlich auf.

Wer sich also durch den kleinen Reisberg frisst, der das Lesevergnügen zunächst umgeben mag, wird wie im Schlaraffenland belohnt. Wir können lachen, fiebern, uns über gelungene Beschreibungen freuen und gekonnt gesetzte Szenen. Wir können es als leichte Lektüre verschlingen – die Spannung nimmt im Laufe des Romans bedeutend zu – oder über unser eigenes Leben, nicht zuletzt auch über Fragen des Schreibprozesses nachsinnen, wenn wir wollen. Ein Buch, mit dem es sich wunderbar auf der Couch lümmeln lässt, wenn der Zugang erst einmal gefunden ist. Und wer sich die entspannte Jahreszeit genauso vorgestellt hat, wird nur noch widerwillig vom Sofa wieder aufstehen.

Liliy King: Writers and Lovers

Übersetzt von Sabine Roth

Beck Verlag 2020

319 Seiten, 24  Euro (Hardcover)